… was soll man sich dann von der Jobausschreibung der Wiener Landespolizeidirektion und anderen Texten in vielen Stelleninseraten erwarten? Warum mir die Mitarbeiterinnen der Wiener Linien regelmäßig leid tun und wieso es wichtig ist, so wenig wie möglich aber so viel wie nötig zu formulieren.

 

Alle, die regelmäßig mit der U-Bahn unterwegs sind kennen vielleicht die Durchsage: „Zurücktreten, Zug wird vorgezogen“. Als ich die das erste Mal gehört habe, habe ich gleich folgendes Bild in meinem Kopf gehabt: arme Mitarbeiterinnen der Wiener Linien, die die U-Bahn durch die Station ziehen müssen. In Wirklichkeit fährt die U-Bahn natürlich einfach noch ein Stück vor. Vermutlich ist „Zug wird vorgezogen“ der technisch korrekte Ausdruck aber ist mir das als Fahrende wirklich wichtig? Ich musste ehrlich gesagt auch kurz überlegen, was denn damit gemeint konkret ist. Und wenn mit dieser Ansage noch die Intention verbunden ist, dass von den am Bahnsteig wartenden Menschen etwas getan oder eben nicht getan wird – wäre es dann nicht sinnvoll eine ganz klare und eindeutige Durchsage zu machen?

 

Ich könnte mir etwas vorstellen wie „Vorsicht, die U-Bahn fährt noch ein paar Meter weiter danach können Sie ein- und aussteigen“. Die Wiener Linien haben 2014 für das Projekt „Sound Branding“ sogar den Red Dot Award für das Sound Design erhalten – ob da die zielgruppengerechte Formulierung auch eine entscheidende Kategorie war?

 

Warum schreibe ich eigentlich so viel über die U-Bahn Durchsagen (ist doch wirklich nicht meine Baustelle, sollte mich also wieder auf Recruiting besinnen)? Weil diese aus meiner Sicht genau das Manko von vielen Stelleninseraten wiederspiegeln: die Texte sind nicht zielgruppengerecht aufbereitet! Letzte Woche hat Alex als Gastautor darüber geschrieben, dass die Fotos in den Stelleninseraten nicht der Personalchefin sondern den potentiellen Bewerberinnen „gefallen“ sollen. Auch über die Text-Bild-Schere hat er geschrieben. Und was für Bilder gilt, gilt auch für den Text: unterschiedliche Zielgruppen brauchen unterschiedliche Texte!

 

„Weiss ich doch“, „ist ja jetzt nicht gerade neu“, „alter Hut“ – das werden sich jetzt sicherlich einige Recruiterinnen denken. Aber dann frage ich mich, warum der Großteil der Stelleninserate immer noch nach Schema F gestaltet wird und in jedem zweiten Inserat genau dieselben Phrasen verwendet werden?

 

  • Weil es schnell geht
  • Weil es Vorlagen gibt, die irgendwann einmal erstellt worden sind
  • Weil Führungskräfte in der Regel keine PR und Text-Profis sind
  • Weil sich keiner die Mühe macht, die Zielgruppe zu definieren
Jedes Stelleninserat ist Teil des Unternehmensimages, im Normalfall der erste Kontaktpunkt für potentielle neue Mitarbeiterinnen (und das mit dem ersten Eindruck und so erspare ich Ihnen jetzt 😉 und hat daher aus meiner Sicht die höchste Priorität in der Candidate Experience. Die Textierung von Stelleninseraten ist schwierig, es gilt, gesetzliche Vorgaben einzuhalten, möglichst viel Information in wenig Text zu verpacken, die richtige Zielgruppe anzusprechen und und und … Ob sich von der 2-seitigen Stellenausschreibung der Landespolizeidirektion Wien tatsächlich junge Frauen und Männer angesprochen fühlen? Wage ich zu bezweifeln. Liest sich eher so, als würde man Beamte auffordern, sich zu bewerben.

 

Vertragsbedienstete mit Sondervertrag für die exekutivdienstliche Ausbildung

 

Ich stütze mich bei der Formulierung von Texten von Inseraten auf 3 simple Grundregeln:

 

  1. Authentisch:
    Die Texte für kreative Branchen dürfen und sollen anders formuliert sein als zum Beispiel für eher konservative Branchen. Trotzdem können funktionsspezifisch nochmal Unterschiede gemacht werden (schließlich ist Buchhaltung eben Buchhalten egal in welcher Branche).
  2. Information:
    So wenig wie möglich und so viel wie notwendig. Fragen Sie sich und Ihre Kolleginnen, was Sie wissen müssen, damit Sie sich entscheiden können, ob Sie sich bewerben wollen oder nicht (und überlegen Sie, welche Information man eventuell an einen anderen Kontaktpunkt auslagern könnte).
  3. Verständlich:
    Firmeninterne Bezeichnungen oder gar Abkürzungen haben im Text genauso wenig verloren wie nichtssagende 08/15 Floskeln oder langatmige Beschreibungen von Aufgaben oder Produkten (ist vielleicht für Positionen im Vertrieb nett).
Ja, das bedarf Vorarbeit, das bedeutet Zeitinvestition bevor das Inserat raus geht. Zeit, die man ja eigentlich nicht hat. Aber es lohnt sich. Besser das Inserat erst 2 Tage später schalten und dafür bleiben mehr Leute „hängen“, werden neugierig, schauen weiter auf die Homepage (die Karriereseiten sind ein eigenes Kapitel – auf das komme ich irgendwann noch zurück) und bewerben sich. Denn das ist ja wohl das Ziel jedes Stelleninserates.

 

Herzliche Grüße
Claudia