Motivationsschreiben sind vermutlich der schwierigste Part für Bewerberinnen. Die Deutsche Bahn will das jetzt nach und nach abschaffen. Bravo! Das ich diesen Schritt uneingeschränkt begrüße wissen alle, die meinen Blog schon länger verfolgen. Vor 3 Jahren habe ich einen Blogbeitrag dazu geschrieben, aktuell wie eh und je. Unter Recruiterinnen wohl eines der meist diskutierten Themen: Motivationsschreiben – unnötig oder sinnvoll?
Die einen schreien „juhuu endlich weg damit lese ich sowieso nicht“ die anderen wollen nach wie vor ein individuelles Anschreiben. Und das sind vermutlich diejenigen, die auch immer noch glauben, dass Bewerberinnen im Gespräch überzeugen müssen, warum man gerade sie einstellen soll. Bewerbungscoaches versprechen „so schreiben Sie Ihr Motivationsschreiben dann klappt es garantiert mit dem Job.“ Ja genau, das lasse ich mal unkommentiert.
Ich bin überzeugt davon, dass es nicht nur potentiellen Lehrlingen schwer fällt, ein Motivationsschreiben zu formulieren sondern den meisten Menschen. Wer also im Bewerbungsprozess eine Hürde braucht, weil viel zu viele Bewerbungen kommen, der soll gerne auch weiterhin darauf bestehen.
Alle anderen – weg damit. Macht es euren zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern doch leicht, sich zu bewerben. Wechseln wir die Perspektive und versetzen uns in eine Person, die gerade ein Google oder Facebook Ad mit eurem Stellenangebot entdeckt und angeclickt hat. Einen Lebenslauf oder ein gutes XING oder LinkedIn Profil habe ich vielleicht parat, da denke ich nicht mehr lange nach, wenn ich einen interessanten Job entdecke. Oh ich muss ein Motivationsschreiben formulieren? Vielleicht mach ich das später. Oder einfach gar nicht, sooo spannend klingt es ja wieder doch nicht. Alles klar oder?
Abgesehen davon, dass mir noch immer nicht mehr Gründe als vor 3 Jahren einfallen, warum man sich bewirbt, finde ich es schlicht uns einfach nicht mehr zeitgemäß. Warum? Auch dafür habe ich einige Gründe:

  • Fachkräftemangel, War of talents oder wie immer man die Änderungen am Arbeitsmarkt nennt. Fakt ist, es gibt keinen Arbeitgebermarkt mehr, also habe ich im Recruiting auch nicht mehr die Qual der Wahl und muss aus hunderten Bewerbungen auswählen. Das Motivationsschreiben war früher eine gute Möglichkeit, sich von anderen Bewerberinnen zu unterscheiden, das ist heute meist nicht mehr notwendig. Und wurde früher auch nicht sehr oft genutzt.
  • Mobile Recruiting: da setzen wir auf neue Tools und Möglichkeiten, lernen, wie wir den gesamten Recruitingprozess über das Smartphone abwickeln und dann sollen Bewerberinnen ein Motivationsschreiben am Handy tippen?
  • Wir setzen (hoffentlich) moderne Bewerbungsmanagementsysteme ein, die es potentiellen Mitarbeiterinnen leicht machen, sich zu bewerben: keine Registrierung, ausfüllen unserer Datenbank mittels CV Parsing über das XING oder LinkedIn Profil und dann steht dort „Motivationsschreiben“ hochladen?
  • Dass von KandidatInnen, die mittels Direktansprache „angeworben“ werden ein Motivationsschreiben verlangt wird, habe ich gottseidank noch nicht gehört, aber sicherheitshalber erwähne ich es hier mal. 😉

Sehen wir uns einmal die derzeit heiß umkämpften Berufsgruppen an: bei meinen Kunden geht es sehr oft um IT Positionen dicht gefolgt von Sales Funktionen. Abgesehen davon, dass sich wohl wenige Software Entwicklerinnen auf ein Online-Inserat bewerben fände ich es viel wichtiger, dass diese im Recruitingprozess mit fachlichem Know-How und natürlich der „kulturellen“ Passung überzeugen als mit einem Motivationsschreiben. Sales Managerinnen sind bekanntlich kommunikativ aber das bedeutet auch, sie greifen vielleicht lieber zum Telefon, als ein Mail zu schicken. Dies ist eine Kompetenz, die im Job also sehr gefragt und von Vorteil ist, im Bewerbungsprozess wird sie aber zum Hindernis? Da hakts doch eindeutig!
Wir wollen doch nicht die Mitarbeiterinnen, die am besten nach „Motivationsschreiben Vorlage“ googlen können, Klick um zu Tweeten sondern, die die fachlich entspechendes Know-how mitbringen und zu unserem Unternehmen passen.
Natürlich gibt es Berufsgruppen, die schreiben können müssen. Je nach Tätigkeit aber auch ganz unterschiedlich. Muss ich zielgruppengerechten Content liefern, mit Behörden korrespondieren oder vielleicht Stelleninserate formulieren. 12 Das alles lässt sich auch auf andere Weise überprüfen, da gibt’s Arbeitsproben, Case Studys oder die guten alten Rechtschreibtests. Alles zielführender als ein (meist) belangloses Motivationsschreiben.
Für die meisten Berufsgruppen hat ein Motivationsschreiben einfach keine Relevanz für die Tätigkeit, um die es im Job geht. Warum also wird es immer noch als Selektionskriterium im Recruitingprozess angewendet? Das geht doch besser oder?
Herzliche Grüße
Claudia
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