Wer kennt ihn nicht? Den berühmten ersten Satz im Motivationsschreiben: „Hiermit bewerbe ich mich …“ Wie oft ich den wohl schon gelesen habe, unzählige Male. Führt die Hitliste an. Und gleich danach kommen die einleitenden Wort, die Werbeslogans abkupfern (ich geb‘s ja zu, hab ich auch schon gemacht – mir ist einfach nichts Besseres eingefallen). Warum ich gegen Motivationsschreiben bin. Warum viele andere dafür sind. Weshalb ich sie nicht brauche. Und was ich mir stattdessen wünsche.

Die einzige Möglichkeit, Menschen zu motivieren, ist die Kommunikation.
Lee Iacocca

Herr Iacocca muss es ja wissen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, ihm eine Frage zu stellen, dann vermutlich diese: Lesen Sie eigentlich die Motivationsschreiben von Bewerberinnen? (Falls zufällig jemand von euch schon die Gelegenheit hatte, nachzufragen, dann bitte umgehend um Info, dankeschön). In meinem privaten Umfeld werde ich natürlich immer wieder um Unterstützung gebeten, wenn jemand auf Jobsuche ist. Und welche Frage höre ich am öftesten? Richtig! „Du was ist eigentlich das Motivationsschreiben, wie fang ich an und brauch ich dann eigentlich noch ein extra Anschreiben?“. Damit ich das nicht jedes Mal beantworten muss, schick ich künftig einfach den Link zu diesem Blogartikel. 😉

Im klassischen Bewerbungstraining wird den armen Jobsuchenden ja gern erklärt, wie’s geht: Tabellarischen Lebenslauf erstellen, Motivationsschreiben dazu und ab damit. Nicht vergessen beim Motivationsschreiben den Firmennamen auszutauschen, sonst wird’s peinlich (hab ich auch nicht erst ein oder zwei Mal gehabt, dass sich Leute total motiviert bewerben – halt nicht bei mir, sondern im Konkurrenzunternehmen zum Beispiel). Schon der erste Grund, warum es besser ist, das Motivationsschreiben wegzulassen, oder? So kann wenigstens kein blöder Fehler passieren und das war’s dann mit dem Job (es soll ja Recruiterinnen geben, die da ein bissl kleinlich sind).

Definition laut Duden: Motivation: Gesamtheit der Beweggründe, Einflüsse, die eine Entscheidung, Handlung o. Ä. beeinflussen, zu einer Handlungsweise anregen.
Also übersetzt auf eine Bewerbung wären das dann die Beweggründe oder Einflüsse, die dazu führen, dass man sich bewirbt.

Und sooo viele gibt’s da nicht, ich zähle mal ein paar auf:

1) Ich brauche einen Job,

  • weil ich gekündigt wurde
  • weil ich blöderweise gekündigt habe, ohne einen neuen Job zu haben
  • weil ich Berufseinsteigerin bin
  • weil ich ein befristetes Dienstverhältnis habe
  • weil ich mich verliebt habe und jetzt lieber in der selben Stadt wie meine Partnerin leben will
  • und noch ein paar Abwandlungen davon

2) Ich möchte einen neuen Job,

  • weil ich mit meiner jetzigen Chefin nicht kann, sie eine blöde Zicke ist und ständig meine Arbeit als ihre ausgibt (habe aber im Bewerbungstraining gelernt, dass man das auf keinen Fall sagen darf, also besser auch im Motivationsschreiben nicht erwähnen)
  • weil ich Stunden erhöhen oder reduzieren möchte und das aus irgendeinem Grund nicht möglich ist
  • weil ich endlich eine Führungsposition haben möchte
  • weil ich mehr Geld verdienen will/muss
  • weil ich nach 2/5/10 Jahren etwas anderes sehen will
  • weil ich im jetzigen Job keine Perspektive habe (auf mehr Geld, eine Führungsfunktion, spannendere Aufgaben …)
  • und noch ein paar Abwandlungen davon

3) Ich brauche keinen neuen Job und ich möchte auch nicht unbedingt, aber

  • das Inserat war so spannend
  • ich wollte immer schon mal
  • ich weiß auch nicht, ich probier es mal

Alle, die meinen Blog schon länger lesen, wissen Bescheid: ich predige dauernd, dass sowohl Jobsuchende als auch Unternehmen authentisch sein müssen. Und jetzt verpacken wir mal die oben genannten Gründe in ein Motivationsschreiben!

„Hiermit bewerbe ich mich auf … bin gut geeignet weil … freue mich auf …“

Da steht niemals: Ich will endlich für meine Arbeit gelobt werden/ich möchte mindestens 500,– Euro im Monat mehr verdienen, damit ich mir mehr Schuhe kaufen kann/ich habe halt „Recruiting“ und „Wien“ selektiert und da war diese Position eben dabei – oder? Muss ja auch gar nicht.

Und wer sagt denn, dass, nur weil das Motivationsschreiben besonders gut gelungen ist (und das ist ja wohl subjektiv), dies das Ausschlaggebende ist? Was ich gut finde, finden andere ätzend, Stichwort Zitat – hier der O-Ton eines Kunden: „Wenn ich schon ein Zitat in den Unterlagen sehe, leg ich die Bewerbung eh gleich weg“) und umgekehrt.

Im Recruiting gilt es für mich auf folgende 3 Fragen eine Antwort zu finden:

  1. Ist die Bewerberin qualifiziert für den Job?
  2. Passt sie zu uns (ins Team, ins Unternehmen)?
  3. Matchen die Rahmenbedingungen, die sie sich vorstellt, mit unserem Angebot?

Und die Antworten darauf finden sich eher selten im Motivationsschreiben (jedenfalls nicht auf alle 3 Fragen)! Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Motivationsschreiben besonders gut dafür geeignet ist, um die bisherige Tätigkeit zu beschreiben und eventuelle Lücken im Lebenslauf zu erklären. So und jetzt oute ich mich: Ich bin dafür, die Motivation (und alles andere) sowieso im Gespräch abzuklären. Da darf man auch sagen, dass es halt mit 3 Kindern einfacher wäre, einen Job in der Nähe zu haben, und keine 50 Minuten Fahrt für eine Strecke aufwenden zu müssen. Oder dass der Vorgesetzte cholerisch ist und ständig brüllt. Ist doch alles legitim. Leider wollen die meisten Recruiterinnen auf die Frage „Warum haben Sie sich denn gerade bei uns beworben?“ aber immer noch hören, wie toll man das Unternehmen findet, am besten dabei noch einige Zahlen, Daten, Fakten, die auf der Homepage stehen, auflistet und vielleicht noch „Weil ich mich mit dem Produkt, der Dienstleistung, dem Unternehmen total identifiziere“. Und vermutlich sagen die Wenigsten: „Weil ich das Inserat gefunden habe, ich einen Job brauche/möchte und Sie eine Mitarbeiterin.“

Und weil ich grade so schön in Fahrt bin: ich gestehe, ich habe auch früher nicht alle Motivationsschreiben gelesen. Nur dann, wenn der Lebenslauf für die ausgeschriebene Position relevant war. Oder ich nicht ganz sicher war und gehofft habe, dass Unklarheiten im Motivationsschreiben erklärt werden. Was übrigens in 99 % aller Fälle nicht so war. Schade also um die Zeit fürs Motivationsschreiben schreiben. Und jetzt mein ultimativer Rat an alle Jobsuchenden (egal ob mit mir verwandt oder bekannt oder nix davon) – die Zeit lieber in einen gut durchdachten CV stecken. Wenn ich aus einem Lebenslauf nämlich nicht erkennen kann, was die Tätigkeiten waren oder sind und wenn ich etwaige Lücken nicht nachvollziehen kann – dann ist der für den Mistkübel. Und dann ist mir auch völlig egal, was die Motivation für die Bewerbung war.

HR-Blogger Henrik Zaborowksi ist überhaupt dafür, auch den Lebenslauf zu streichen. So weit würde ich jetzt (noch!) nicht gehen, aber dem Ansatz kann ich schon was abgewinnen (hab ja leicht reden).

Herzliche Grüße
Claudia

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